Freiheit und Verantwortung

Von Thomas Bez
04.10.2014 17:50 UTC neu
im Weblog Barnim

Wir sind für ein paar Tage nach Carwitz bei den Feldberger Seen gefahren. Carwitz ist bekannt vor allem durch Hans Fallada, der hier anderthalb Jahrzehnte lebte, einige prekäre Monate Bürgermeister von Feldberg war und schließlich hier begraben wurde.

Und plötzlich ist die Kälte weg. Eine unendlich sanfte grüne Woge hebt sie auf und ihn mit ihr.

Seit dreißig Jahren kommen wir immer wieder einmal hierher. Vor sechs Jahren mußten wir unsere Heimfahrt von der Ostsee hier unterbrechen, weil Anna auf dem Spaziergang bei einem Zwischenstop im Moor gelandet war und Herrchen hinterherspringen mußte. In der Unterkunft mit Seezugang, wo wir uns seinerzeit kurzerhand einmieteten, um uns direkt im See vom Gröbsten zu reinigen, sind wir auch diesmal wieder.

Lange Spaziergänge können wir Lilith nicht mehr zumuten, die Gelenke bereiten Schmerzen, und so lassen wir nach einer kurzen Runde die drei anderen auf einer Wiese spielen und Lilith thront darüber. Unsere heutige Wiese ist ohne Gebrauch eines Dreikantschlüssels zu erreichen, was bemerkenswert ist, und nicht einmal ein Verbotsschild mußten wir passieren, was geradezu unglaublich klingt. Nicht weit von der Wiese steht ein Funkmast, und so haben wir hier sogar Internet und können einen Beitrag schreiben. Wie häufig Anfang Oktober ist das Wetter fabelhaft und für diese Art den Tag zu verbringen genau richtig.

Garbo geht es heute schon etwas ruhiger an als gestern. Den gestrigen Tag haben wir ähnlich verbracht, auf einer romantischen Lichtung gesessen, welche einmal der Anger eines seit nunmehr hundert oder hundertfünfzig Jahren verlassenen Dorfes war, mitten im Wald. Garbo war hin und weg, nicht wegen der Romantik des Ortes, sondern weil sie dort nach Herzenslust Löcher buddeln durfte. Am Abend wurde sie dafür an der nämlichen Stelle im See gebadet. Und überhaupt kam sie den ganzen Tag nicht zur Ruhe, war völlig überdreht, konnte einfach nicht aufhören und war am Abend total erschöpft.


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Nun müssen wir aber zum Titelthema kommen, das uns naturgemäß zur Zeit etwas beschäftigt, 25 Jahre nachdem einige von uns ihren vielleicht kleinen, bescheidenen Beitrag geleistet haben, ihre Regierung zum Teufel zu jagen und einen Staat abzuschütteln. Beschäftigt in dem Sinne, daß wir uns fragen, ob die Art von Freiheit, die wir erleben und die wir in den nächsten, sagen wir, 25 Jahren noch erleben werden, jene ist, die wir uns seinerzeit vorgestellt haben.

Schwieriges Terrain. Konkretisieren wir es beim Thema Hunde, wie es sich für ein Briard-Weblog gehört. Das Hunde-Thema hat es heute tatsächlich bis in den Leitkommentar unserer eigentlich durch und durch liberalen Lieblingszeitung geschafft. Und was müssen wir dort lesen?

Es wäre nicht zu viel verlangt, bundesweit Sachkundenachweise von Tierhaltern zu fordern – nicht nur im Sinne der Gefahrenabwehr [...] Alle Halter hätten durch solche Prüfungen die Chance, sich mit den Änderungen ihres Alltags auseinanderzusetzen, noch bevor sie ein Tier und sich selbst in eine Notlage bringen.

Im Moment wird die Tierhaltung ohnehin schärfer reglementiert: Hundeschulen brauchen nun eine behördliche Erlaubnis, verschiedene Bundesländer erwägen eine Kastrationspflicht für Katzen. Eine neue Aufklärungskultur, mit der man blauäugigen Tierkäufen entgegenwirkt, wäre da nur ein weiterer Schritt – und zwar im Sinne des Tier- und des Menschenschutzes.

(Christina Hucklenbroich, Das Tier als Mensch, FAZ vom 4.10.2014, Seite 1)

So denken Leute ja nicht nur, wo es um Hunde und Katzen geht. Unser Alltag ist bis in seine letzten Verästelungen durchreguliert mit Verboten, behördlichen Erlaubnissen und Registrierungsauflagen, demnächst vielleicht noch Kastrationspflichten, und kaum jemand empört sich darüber. Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, daß eine Mehrheit in diesem Land das auch noch gutheißt und die um sich greifende Entmündigung "Aufklärungskultur" nennt. Der Wunsch, bloß in Ruhe gelassen zu werden, ist nicht sonderlich ausgeprägt.

Und es ist ja nicht nur so, daß das mal so geäußerte Ideen wären und alles könnte einfach so einfach bleiben wie es ist. Wir haben ja erlebt, wie schnell aus solchen Ideen Landes- und Bundesgesetze werden. Hundeleute sollten auch nicht meinen: "Hier geht es ja nur um Katzen." Der nächste Durchgriff des Staates, der dann Euch betrifft, ist immer nur einen Federstrich entfernt.

Ist das Freiheit oder ist das nicht vielmehr so schlimm wie das, was wir schon einmal hatten? Kein Seitenweg mehr ohne Poller und bald kein Hund mehr ohne "Sachkundenachweis", als ginge es um den Besitz einer Schußwaffe. Verantwortung kann es nur dort geben, wo die Freiheit herrscht, sich selbst für verantwortungsbewußtes Handeln zu entscheiden oder sich eben auch verantwortungslos zu verhalten. Wo die eigene Entscheidung durch ein Gesetz und ein Verbot ersetzt wird, herrscht nicht Freiheit, sondern Diktatur, die kein bißchen weniger übel dadurch wird, daß sie eine Diktatur der vermeintlich Wohlmeinenden ist.

Wird es demnächst nicht mehr ausreichen, daß wir uns als Züchter sorgfältig überlegen, wem wir einen Welpen übergeben? Werden wir die Vorlage eines "Sachkundenachweises" verlangen müssen? Werden wir demnächst als Züchter bei einer Behörde beantragen müssen, daß unsere Hunde oder die Welpen, die wir abgeben, nicht zwangsweise zur Kastration vorgeführt werden?

Wir sind empört und mußten das hier, auf unserer friedlichen, sonnigen Wiese, einmal loswerden.

 

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